Urwaldwanderung

Gert Müller verrät die Geheimnisse des 100 Jahre alten Naturschutzgebietes Neuenburger Urwald

„So alt wie in Afrika ist unser Urwald nicht“, erklärt Gert Müller einer Schülergruppe. Die 800 Jahre alte Eiche gegenüber der Jagdhütte im Herzen des Naturschutzgebietes Neuenburger Urwald gilt als der älteste Baum im Wald.


Gert Müller weiß, warum es im Urwald so viele Eichen gibt: „Der Sage nach ist Graf Anton Günther mit seinem Pferd über die Äcker geritten, als er eine wunderbare Frau sah. Der Teufel soll gesagt haben: Du darfst diese Frau nur heiraten, wenn Du mir Deine Seele vermachst – und das schon in drei Jahren. Der Graf und seine Frau lebten drei Jahre glücklich zusammen. Der Teufel erschien wieder und der Graf ging einen weiteren Handel ein. Er durfte noch einmal säen und ernten, wenn der Teufel danach auch die Seele der Frau bekäme. Da hat der Graf Eicheln gesät. Denn es braucht 30 bis 40 Jahre bis die wieder Eicheln tragen. Der Teufel war stocksauer, aber er musste Wort halten.“

Die Sonne scheint durch das Geäst. Mitten im Frühsommer sind die Bäume kahl. „Das ist der Eichenwickler“, sagt Gert Müller. Der frisst den Eichen die Blätter weg.“ Den Baum stört das nicht. „Ende Juli treibt er wieder aus. Dann sind die Raupen weg.“ Marie-Claire kommt aufgeregt angelaufen. Sie hat einen Eichenwickler gefunden. Die Raupe mit den gelben Streifen krabbelt ihr über die Handfläche.

Auch das Blattwerk von Haselnusssträuchern und Buchen ist zerlöchert. „Das war der Maikäfer“, erklärt Gert Müller. Der Laubwald geht in einen Nadelwald über. Der Fachmann bleibt stehen. „Wenn Ihr genau hinhört, könnt Ihr das leise Ziepen des Goldhähnchens hören. Goldhähnchen sind neben dem Zaunkönig einer der kleinsten Vögel in Deutschland.“

Tiefer im Wald macht sich der Ilex unter dem Blätterdach aus Eichen und Buchen breit. „Das ist eine Eigenart unseres Waldes“, weiß Gert Müller. „Der Ilex soll unter dem Einfluss der Seenähe besonders gut wachsen.“ Man nennt die immergrüne Pflanze auch Stechpalme, weil die Kirche sie in Ermangelung echter Palmen am Palmsonntag als Palmwedel benutzt hat, verrät der Naturschützer. Und noch eine Anekdote gibt er Preis: Der Ilex galt in der Region als Weihnachtsbaum der armen Leute. Damit sein Bestand nicht geplündert wurde, musste er unter Schutz gestellt werden.



„Cool, der ist hohl“, ruft Jens und zeigt auf eine tote Eiche direkt am Wegrand. Der Urwald ist seit 1936 Naturschutzgebiet. Abgestorbenes Holz bleibt liegen. Es dient Käfern und damit auch Vögeln als Nahrungsquelle. „Früher hat das Vieh das Unterholz abgegrast. Seit 100 Jahren ist das verboten“, berichtet Gert Müller. Hainbuchen, deren Stämme sich in zwei bis zweieinhalb Meter Höhe gabeln, zeugen von der Zeit, als der Wald noch als Nahrungsquelle für das Vieh diente. „Man hat die Bäume gekappt. Das Holz hat man verfeuert, das Laub diente als Futter“, sagt Gert Müller.

Es knistert im Blattwerk. „Hört Ihr das“, will Gert Müller von den Schülern wissen? „Eine Wühlmaus“, vermutet ein Mädchen. „Nein, das sind die Raupen, die ihren Kot fallen lassen.“

Seit der Wald sich selbst überlassen ist, wachsen die Buchen immer höher. „Ich nenne das die tödliche Umarmung“, betont Gert Müller. Die Buche gedeiht gut im Schatten der Eichen. Die Eiche hingegen braucht das Licht. Wachsen die Buchen ihr buchstäblich über den Kopf beziehungsweise über die Krone, stirbt die Eiche. „Vor zwei Jahren hatten wir hier alles voller Eichensprösslinge“, sagt Gert Müller und zeigt auf den Waldboden. Dunkel verfärbtes Laub zeugt davon, dass hier vor nicht allzu langer Zeit Wasser gestanden hat. Gert Müller hebt einen Sprössling auf. „Tot“, sagt er. „Bald wird es den Eichenwald nicht mehr geben.“



Führungen durch den Neuenburger Urwald bieten die Mitglieder des Vereins Freunde des Neuenburger Holzes ehrenamtlich an. Gruppen melden sich bei Rolf Rochau (Telefon 04452/948951) oder Gert Müller (Telefon 04452/1368) an.