Schulmuseum Bohlenbergerfeld

Günther Diers unterrichtet in der Dorfschule wie vor 100 Jahren.

„Oh oh, da steht schon der Lehrer“, ruft Sebastian, als er sich dem Schulmuseum in Bohlenbergerfeld nähert. Im Eingang wartet Günther Diers auf die dritte Klasse der Hafenschule in Varel. Diers ist einer von vier Ehrenamtlichen, die in der alten Dorfschule unterrichten wie vor 100 Jahren. Seine Schüler sind Kinder ebenso wie Erwachsene. Unternehmen, Gesangsvereine, Kegelclubs – jeder darf noch einmal die Schulbank drücken.

Sebastian und seine Schulkameraden stellen sich in Zweierreihen vor dem Lehrer auf. „Was bedeutet Museum?“, will der wissen. „Nicht anfassen“, antwortet ein Mädchen und ahnt noch nicht, wie falsch sie damit liegt. „Museum bedeutet alt, weiter nichts“, belehrt sie Günther Diers, denn im Schulmuseum dürfen die Kinder alles anfassen – alles außer dem Klavier, das in einer Ecke im Klassenzimmer steht.

75 Kinder hat ein Lehrer vor 100 Jahren in der ehemaligen Dorfschule in Bohlenbergerfeld in einem Klassenraum unterrichtet. „Das ging nur mit absoluter Disziplin“, warnt Günther Diers seine Schüler. „Ab jetzt redet hier nur noch einer, und das bin ich. Ihr antwortet nur, wenn ihr gefragt werdet. Ist das klar?“ „Jawohl Herr Lehrer!“ Bevor die Kinder den Klassenraum betreten, müssen die Jungen Holzschuhe, die Mädchen Kittel anziehen. Dann stellen sie sich in zwei Reihen auf, die Mädchen vorne, die Jungen hinten, nach Größe sortiert. Günther Diers verteilt Namensschilder. Aus Sebastian wird Josef. „Hey cool, ich heiß‘ jetzt wie mein Opa“, freut sich ein anderer Junge. Anton steht auf seinem Namensschild.



Als Erstes betreten die Mädchen den Klassenraum und setzen sich in die Bänke rechts von der Tafel. Die Jungen nehmen auf der anderen Seite des Ganges Platz. Als Günther Diers den Raum betritt, stehen alle auf. „Guten Morgen Herr Lehrer“, dröhnt es durch die Klasse. Alle falten die Hände und beten: „Lieber Gott, steh mir bei, dass ich recht fromm und fleißig sei.“ „Bis 1910 lag die Schulaufsicht beim Pfarrer“, erklärt Günther Diers. Der Unterricht wurde deshalb stets mit einem Gebet begonnen und auch beendet.

Die Fenster sind mit Milchglas verglast. „Damit die Mädchen der achten Klasse nicht aus dem Fenster gucken konnten, wenn Bauer Enno mit einem hübschen Knecht vorbeikam“, sagt Diers. Auf dem Schrank steht ein 100 Jahre alter Diaprojektor. „Ey cool, funktioniert der noch?“, will Anton wissen. Er funktioniert. Neben der Tafel steht ein Ofen. „Die Jungs mussten jeden Morgen Torf aus dem Schuppen holen, damit die Kinder es warm hatten. Die Mädchen haben die Blumen gegossen.“ Der Lehrer erklärt die Spielregeln: „Beide Hände auf die Tischkante, den Rücken an die Lehne – so bleibt Ihr die ganze Stunde sitzen. Wer sich meldet, stützt den rechten Ellenbogen in die linke Hand. Wenn ich einen von Euch dran nehme, steht Ihr auf, antwortet im ganzen Satz und endet mit Herr Lehrer.“

Günther Diers kontrolliert, ob seine Schüler alle brav die Hände gewaschen haben und ob jeder vorschriftsmäßig ein Taschentuch mit sich führt. „Nicht zum Nase ausschnupfen. Dafür gab es den Spucknapf. Den musste die achte Klasse jeden zweiten Tag sauber machen. Die Taschentücher waren wegen der Schwindsucht. Die war genauso ansteckend wie die Schweinegrippe. Deshalb mussten die Kinder beim Niesen und Husten immer ein Taschentuch vors Gesicht halten.“



Dann beginnt der Unterricht. „Was seht Ihr auf dem Wandbild?“ Günther Diers zeigt mit seinem Stock auf das Porträt von Kaiser Wilhelm II. Ludwig steht auf: „Den preußischen Kaiser Wilhelm II., Herr Lehrer.“ Und dann meldet sich Anton: „Eine Frage zu dem Stock, Herr Lehrer. Hauen Sie uns wirklich damit?“ „Wenn Ihr nicht artig seid.“ Wenig später stellt sich heraus, dass Anton drei Tage seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, und schon setzt es Prügel. „Es gab einen Trick“, verrät Günther Diers. „Wer Prügel befürchten musste, hat sich Zeitungspapier in die Hose gesteckt, damit es nicht so weh tat. Aber wenn der Lehrer das gemerkt hat, mussten die Kinder die Hose runterziehen.“



Die Jungen und Mädchen nehmen Schiefertafel und Griffel zur Hand. Jeder soll seinen Namen schreiben – in altdeutscher Schrift versteht sich. Quietsch quietsch – jemand hält den Griffel falsch. „Geschrieben wird mit der rechten Hand“, ermahnt der Lehrer die Klasse. „Aber ich bin Linkshänder“, entgegnet Paul alias Kaspar. „Das gibt’s nicht, und wenn Du das nicht begreifen willst, binde ich Dir die linke Hand auf den Rücken.“ Die Kinder beugen sich konzentriert über ihre Tafeln. Nur das leise Klack klack, wenn die Schüler den Griffel neu ansetzen, unterbricht die Stille. So war das damals – vor 100 Jahren in der Dorfschule in Bohlenbergerfeld.

Im Café Pause gibt es Kaffee, Tee und Kuchen oder auch eine Brotzeit mit kalten Getränken. Öffnungszeiten und Angebote des Cafés finden Sie auf der Homepage des Schulmuseums.

Eine einmalige Verbindung zwischen Natur, Kultur und Plattdeutsch bietet der Plattdeutsche Lehrpfad, der beim Schulmuseum beginnt. Auf zwanzig bebilderten Tafeln gibt es viel über die Natur, die Umgebung und die Tiere Frieslands zu erfahren. Verbunden mit einem kleinen plattdeutschen Rätsel macht der lehrreiche Spaziergang durch den Fuhrenkämper Wald auch richtig Spaß. Karten zum Ausfüllen des Lösungswortes sind an der Kasse des Schulmuseums Bohlenbergerfeld erhältlich.