Moorschäferei Spolsen

Für die „Damen“ kommt heute der „Friseur“.

Ulli Nitz ist hauptberuflicher Schafscherer

350 Schafe im Stall von Peter Schein blöken wild durcheinander. Auf ein tiefes, energisches „Mäh“, folgt ein helles zartes „Mäh äh äh“. Den Kopf tief am Boden treibt Bordercollie-Hündin „Candy“ Mutterschafe und Lämmer auseinander. Für die Damen kommt heute der „Friseur“.

Ulli Nitz ist nach eigenen Angaben einer von fünf hauptamtlichen Schafscherern in Deutschland. „Schulen gibt es nur in Neuseeland“ sagt er. Deshalb ist der Bockhorner in Frankreich von Schäferei zu Schäferei gezogen, um eine gute Ausbildung zu erlangen. „Ich lerne seit 19 Jahren und ich bin noch nicht fertig.“ 10.000 Schafe brauche es, „bis ein Schafscherer ein bisschen was kann“. Die hat Ulli Nitz lange voll. Zu seinen Kunden gehören Schäfereien in ganz Norddeutschland und Westfalen.

Mit festem Griff packt Peter Schein ein Schaf an seiner Wolle, zieht es beiseite, und dreht es auf den Rücken. Das Tier bewegt sich nicht mehr. Es ist buchstäblich vor Schreck erstarrt. Um seinen Rücken zu schonen, während er sich über das gut 40 Kilogramm schwere Mutterschaf beugt, hängt Ulli Nitz seinen Oberkörper in einen breiten Nylonriemen, den er an einem Metallgestänge befestigt. Die Filzschuhe an seinen Füßen verhindern, dass er auf dem Holzboden unter der Schermaschine wegrutscht.


Begleitet von dem Dröhnen der Maschine schert der Fachmann erst den Bauch, dann arbeitet er sich den Hals entlang, und schließlich nach außen bis zum Rücken. „Je länger die Schafe im Stall waren, desto schlechter lassen sie sich scheren“, sagt Ulli Nitz. Unter den langen grauen Locken kommt erst eine weiße, dann eine gelbe Wollschicht zum Vorschein. „Schafe schwitzen schon bei 6 Grad Celsius“, erklärt der Fachmann. Dann entsteht die gelbe Wolle. „Da kommt man mit dem Kamm ganz schlecht durch”.

Als Ulli Nitz das Schaf loslässt, schüttelt sich das Tier, schaut sich ungläubig um und läuft noch etwas unbeholfen zurück in den Stall. Die Wolle ist noch warm. An der gelben Unterseite sind kleine Fetttropfen. Der Talg riecht intensiv nach Schaf. Zwei bis drei Wochen dauert es jetzt, bis Peter Schein seine Herde wieder auf die Weideflächen im Spolsener und Stapeler Moor bringen kann. Solange braucht es, bis die Wolle nachgewachsen ist. „Wenn die Schafe lammen, wächst die Wolle schlechter“, weiß Ulli Nitz. „Die Tiere brauchen dann die Energie für die Milchproduktion.“

Der Schafscherer hat es am liebsten, wenn die Schafe pünktlich zum Aufstallen, und noch bevor die ersten Lämmer kommen, geschoren werden. Im Winter müssen die Schäfer dann den Stall gut einstreuen, damit die Tiere nicht frieren.

Zwei bis drei Kilogramm Wolle trägt jede erwachsene Moorschnucke mit sich herum. Lämmer werden mit sieben bis acht Monaten zum ersten Mal geschoren, Schlachttiere vor der Mast. „Dann erreichen sie die nötigen 40 Kilo Lebendgewicht drei bis vier Wochen eher“, weiß Ulli Nitz. Denn ein geschorenes Schaf frisst mehr.

Die Verarbeitung der Wolle ist aufwendig. Deshalb kann der Schäfer mit ihr kein Geld verdienen. „Im besten Fall holt ein Händler die Wolle kostenlos ab. Im schlechtesten Fall muss ich sie auf der Mülldeponie entsorgen“, sagt Peter Schein.

Am Boden liegt der Mantel, den jedes Tier ein ganzes Jahr lang getragen hat. Zurück im Stall lecken sich die Schafe den Bauch und kratzen sich mit den Hinterbeinen im Nacken. „Jetzt kommen sie endlich überall an“, lacht der Schäfer. Am Abend kuscheln sich die Moorschnucken im Stall eng zusammen. Die Kurzhaarfrisur ist noch ungewohnt. Die Tiere wärmen einander gegen die nächtliche Kälte. Der nächste Friseurtermin ist in einem Jahr.


Info

Peter Schein beweidet mit seinen 350 Mutterschafen rund 200 Hektar Naturschutzgebiet vom Spolsener Moor bis ins Stapeler Moor in der ostfriesischen Gemeinde Uplengen. Ziel ist es, die Moorbiotope durch die Beweidung mit Moorschnucken vor der Verbuschung durch Birken, Gräser und Heidekraut zu schützen.



Die Schafe weiden von Mai bis Oktober im Moor. Herbst und Winter verbringen die Tiere auf Grünland am Rande des Naturschutzgebiets. Nur bei schlechtem Wetter und zum Ablammen von Februar bis April kommen sie in den Stall in der Moorschäferei in Ruttelerfeld. Moorschnucken sind seit Jahrhunderten an die kargen Bedingungen im Moor angepasst. Sie gehören zu den vom Aussterben bedrohten Haustierrassen und stehen auf der „Roten Liste" der „Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen".

Peter Schein hat die Moorschäferei 2008 von seinem Vorgänger Uwe Kapusta übernommen. Interessierte haben jetzt die Möglichkeit, den Betrieb im Rahmen einer Besichtigung inklusive Führung über den Moor-Rundweg kennenzulernen. Außerdem bietet der Schäfer Kutschen- und Planwagenfahrten mit Rheinisch-Deutschen Kaltblütern an. Radfahrer können die Moorschäferei als Rast-, Pausen- und Grillplatz nutzen und in Kooperation mit Heikes Moorhof in Bentstreek führt die „Schäfchen-Tour“ von der Moorschäferei über das Lengener Meer zum Milchschafbetrieb inklusive Käserei und Bewirtung im Café.